Bogen, Pfeil und Glückshormone
„Dreht Euch um neunzig Grad und spreizt die Beine leicht,
Euer Stand muss locker, aber sicher sein. Ja, genau so! Nun hebt
ihr den Bogen, zieht die Sehne bis zum Kinn zurück, ankert die
Hand dort und zielt durch das Visier auf die Scheibe.“ Acht
Bogen heben sich, mit einem Zischen entspannen sich die Sehnen. Ein
dumpfes „Plopp“ heisst, dass der Pfeil sich in die Zielscheibe
gebohrt hat, ein helles Klattern oder reissendes Zischen aber bedeuten
der Pfeil ist am Ziel vorbei geflogen, auf den Boden aufgeschlagen
oder im Netz hängen geblieben. Immer wieder heben sich die Bogen,
Ziel wäre es, loslassen zu können, nur den gelben Kreis
auf der Zielscheibe zu sehen, sich aufs wesentliche konzentrieren,
den Kopf leer machen. Doch das ist leicht gesagt. Arme heben und
ausatmen, aber nicht nur ausatmen, dort vorne steht eine Scheibe.
Nächster Versuch, Arme heben, ausatmen und zielen, wunderbar,
doch das Ankern am Kinn nicht vergessen. Also Arme heben, ausatmen
gleichzeitig, zielen, am Kinn ankern und loslassen. Nicht nur die
Sehne, nein, auch die Gedanken. Gedanken wie, „treffe ich wohl,
bin ich so gut wie die andern, oh, nein, schiesse ich wieder ins
Netz, schon wieder ist mein Nachbar besser, mir tun die Arme weh.“ Und
dann für kurze Moment das triumphierende Gefühl, wenn der
Pfeil rasend schnell die Sehne verlässt und mit besagtem „Plopp“ die
Scheibe trifft.
Ungeduld mit sich selbst, Ehrgeiz und Konkurrenzdenken wechseln
ab mit Triumphgefühlen, mit der Befriedigung, getroffen zu haben.
Manchmal breitet sich in mir kurz ein Gefühl vollkommenen Glücks
aus, ein Gefühl jenes Glücks, das ich als Kind fühlte,
wenn ich selbstvergessen Velo fuhr, rannte, spielte und für
Augenblicke erahne ich, worum es gehen könnte beim Bogenschiessen.
Doch bereits im nächsten Moment sind es wieder der heisse Ärger über
ein Vorbeischiessen, der stärker werdende Schmerz in meinen
Armen, der Wunsch besser sein zu wollen als die anderen, die Überhand
nehmen. Doch das Glücksgefühl erlebt zu haben hilft, es
wird zum Nebenziel, noch. Zuerst die Scheibe treffen, dann das Glück
fühlen, das bedingungslose, nicht das Siegerglück.
Kann bedingungsloses Glücksgefühl ein Nebenziel sein?
Denken
lenkt ab, je mehr ich denke, desto weniger treffe ich, ich
bin nicht zum philosophieren hier, ich will Bogenschiessen lernen.
Zwischendurch
erklärt der Lehrer Bewegungen genauer, macht Übungen, Zielübungen,
Meditationen, er macht das sehr gut, doch ich will wieder meinen
Bogen halten. Den anderen geht es ähnlich, wie ich wollen sie
schiessen bzw. zielen, sich messen, die Welt schrumpfen lassen auf
einen gelben Kreis durch ein Visier betrachtet. Das sich Messen wird
unwichtiger mit der Zeit, die Arme werden müde, doch mit jeder
Bewegung geht das Herz auf, das ist physiologisch zu erklären,
hat etwas mit der Bewegung der Arme zu tun. Trotz Ermüdung der
Muskeln fühlt sich der Brustkorb angenehm warm und weich an,
der Stand wird automatisch aufrechter, auch der Gang, stelle ich
beim nach Hause gehen fest. Die Schultern vom Computerjob oft nach
vorne gezogen, ruhen in einer natürlich aufrechten Position,
erstaunlich. Erfreulich.
Am nächsten Tag schiessen wir ohne Visier, gezielt wird über
den Pfeilschaft, das ganze Zielen ist viel kürzer und die Bewegung
dünkt mich weicher, fliessender, wieder stellt sich dieses Glücksgefühl
ein. Am Nachmittag dann der Höhepunkt, so sagen die meisten,
das Intuitivschiessen. Es wird nicht gezielt im üblichen Sinne,
die Augen fixieren das Ziel, der Bogen wird schnell gehoben, die
Sehne losgelassen. Dieser Methode zugrunde liegt die Fähigkeit
der Augen und der Hand koordiniert zu handeln, ich sehe ein Stäubchen
auf dem Boden und kann es zielgerichtet aufheben. Ich sehe den gelben
Kreis, hebe den Bogen, lasse die Sehne los und schiesse daneben.
Der Lehrer beruhigt uns, erklärt, alles muss zuerst geübt
werden, dass Auge und Hand koordiniert handeln können ist eine
Voraussetzung, doch wenn man noch nie geschossen hat, dann muss das
Hirn erst auf diese Aktion eingeübt werden, da weder
Bewegungsablauf noch Distanz, dem Aufheben einer Staubflocke
auf dem Boden
entsprechen.
Alles klar, ohne auch nur zu Blinzeln fixieren die Augen
die Zielscheibe, Bogen heben, Sehne loslassen, atmen nicht
vergessen,
der Pfeil
trifft mit einem „Plopp“, nicht unbedingt den gelben Kreis,
aber immerhin die Scheibe, schnaubend wird ausgeatmet. Der Raum knistert
vor Anspannung. Aber da es beim Bogenschiessen ja ums loslassen geht…!
Augen fixieren, Arme heben, loslassen. Immer und immer wieder, langsam
sind kleine Fortschritte zu erkennen, wieder stellt sich ab und zu
das Triumphgefühl ein, ein Seitenblick zum Nachbarpfeil verschafft Überblick über
die Konkurrenz. Immer öfter aber meldet sich auch das Glücksgefühl,
wärmt Brustkorb, Rückenmuskeln, der Kopf wird leerer, die
Ahnung, worum es gehen könnte beim Bogen schiessen beständiger.
Der Blick geht nach innen, manchmal, der Bogen wird zu einem neuen
Instrument, das mir nicht mehr nur zeigt, ob ich besser bin als andere,
ob ich überhaupt gut bin, sondern zu einem Instrument, das mir
hilft, eine Bewegung möglichst schön auszuführen,
eine Sehne möglichst mühelos loszulassen, einem Instrument
mit mir zu sein, in mir zu versinken, er wird zu einem Teil meiner
selbst und das Glücksgefühl ist für Momente so stark,
dass ich jubeln könnte, nicht weil ich getroffen habe,
sondern einfach nur, weil ich Bogenschiesse, spiele, weil
ich bin.
Nadia Weber

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