...wo Du zum Horizont wirst

Unser Boot schwankt sacht hin und her, vor knapp einer Stunde mussten
wir den Motor abstellen, um Diesel zu sparen. In den letzten zwei
Tagen regte sich kein Lüftchen, nur mit dem Motor tuckerten
wir langsam von Island in Richtung Färöern. Nun warten
wir mitten im Nordatlantik auf den Wind, den vom Wetterbericht versprochen,
von den anderen Seglern beschworenen Wind. Ein paar Eissturmvögel
landen neben uns, beobachten uns erwartungsvoll. Ich bin jedes Mal
tief berührt und erfreut, diese Vögel zu sehen, die einen
auch weit aufs Meer hinaus begleiten, sie geben mir das Gefühl
nicht allein zu sein angesichts des endlosen Ozeans. Rundum ist der
Horizont zu sehen, eine langsame grosse Dünung hebt unser Boot
mit einschläfernder Regelmässigkeit, am Himmel ziehen riesige
Wolkenschiffe dahin. Der Himmel scheint grenzenlos, der Blick wird
nicht aufgehalten von Bergen, Häusern oder Bäumen, die
Horizontlinie ist eben, kaum ist zu erkennen, wo das Meer endet,
der Himmel beginnt. Im ersten Moment ist sie beängstigend diese
Weite, denn sie macht uns bewusst wie unscheinbar klein wir sind,
winzig klein und allein auf dem weiten Meer draussen. Die Stille
um uns ist so tief, dass wir zu flüstern beginnen, ein Klatschen
der Wellen am Bug klingt laut wie Donnergrollen.

Gegensätze
fliessen ineinander, sind nicht mehr zu trennen, auch die Zeit geht
ihren eigenen Weg, mal schneller, mal langsamer, sie passt sich unseren
Gefühlen an, in den kurzen Momenten, in denen ich mich verloren
fühle, schleicht die Zeit bedrückt und ängstlich dahin,
und dann immer wieder, wenn ich in die Weite schaue, verfliegt die
Angst und ich fühle mich mit allem verbunden, bin mir so klar,
dass wir nicht allein sind, in diesen Momenten, grinst die Zeit mich
an und hüpft übermütig neben mir her, Stunden zerrinnen,
scheinen nicht länger als Minuten zu dauern. Und viel zu schnell
(zwölf Stunden sind vergangen) kommt Wind auf und wir setzen
die Segel und verlassen, schwankend zwischen Erleichterung und Bedauern
jenen „Ort“ mitten im Nordatlantik, wo Zeit und Raum
für uns verschmolzen, wo uns die Angst frech ins Gesicht lachte
bis wir sie einluden, sich zu uns zu setzen, mit uns zu sprechen
und mit ihr an unserer Seite erkannten wir für Momente, Sekundenbruchteile,
dass alles gut war, dass wir von einer unbeschreiblichen Schönheit
umgeben waren und unsere Herzen glühten vor Freude. Dort draussen
waren wir für Augenblicke Wolken und Vögel, wir waren Wellen
und Weite, das Meer war wir, das Klatschen am Bug war wir, das Schnattern
der Eissturmtaucher. Das Meer, die Wolken, das Boot, die Sonne, die
Wellen, die Vögel, die Geräusche, das Licht, Bice, ich,
wir alle waren alles und gleichzeitig nichts. Nadia Weber
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