4. Mai 2004: Totale Mondfinsternis über Stonehenge
Im Scheinwerferlicht ist knapp die schmale Strasse zu sehen,
gewöhnt
an Strassenlampen, dünkt uns die Nacht auf der Ebene von Salisbury
besonders dunkel, undurchsichtig. Da und dort leuchten grosse Pfützen
auf. An unserem Ziel angelangt finden wir den Parkplatz von Stonehenge
abgesperrt vor und stellen das Auto in einer kleinen Nebenstrasse
ab. Ausser einem Car ist kein anderes Auto zu sehen. Verlassen der
Ort, der noch am Nachmittag nur so wimmelte vor Touristen, Autos,
Parkwächtern, Autobussen. Vorsichtig, tastend gehen wir dem
langen Maschendraht entlang, vor dem diffusen Licht, das hier von
den verschiedenen Ortschaften über der Ebene liegt, sind die
mächtigen Steine von Stonehenge nur schemenhaft zu sehen, am
Himmel keine Sterne, kein Mond, nur dicke Wolken. Frierend stehen
wir am Zaun, es beginnt zu regnen.
Verwundert beobachten wir einen
Scheinwerfer und Leute mit Stativen innerhalb des Zaunes
nahe den Steinen. Nach kurzer Zeit strahlt uns ein Scheinwerfer an,
ein Nachtwächter
kommt zu uns an den Zaun, betrachtet uns eingehend im grellen Licht
seiner Lampe. Ob wir auch rein dürften fragen wir ihn bei dieser
Gelegenheit, wir weisen ihn auf die schemenhaften Menschengestalten
bei den Steinen hin. Nett, aber bestimmt verneint er, meint, das
seien Astronomen, die hätten viel Geld bezahlt, um in Stonehenge
während eines solchen Ereignisses innerhalb der Absperrung fotografieren
zu dürfen, heute werde es eine totale Mondfinsternis geben.
Wir nicken, klar, darum sind wir ja auch hier. Er leuchtet uns nochmals
an und geht zu den Steinen zurück. Gemächlich gehen wir
dem Zaun entlang, konsultieren unsere Uhr, noch eine halbe Stunde,
dann würde die Mondfinsternis – sollte der Mond sich überhaupt
zeigen – klar zu sehen sein. Bei den Steinen blitzt es hie
und da auf, von Zeit zu Zeit streift der Scheinwerfer des Nachtwächters
dem Zaun entlang, verweilt einen kurzen Moment bei uns und wandert
weiter. Von weitem ist für kurze Momente die Schnellstrasse
zu hören, da und dort ein Autoscheinwerfer zu sehen, sonst ist
es still, nur die Regentropfen zischen leise. Trotz Regen, Kälte
und Wolken, ist die Stimmung einzigartig, friedlich, geheimnisvoll,
fast anderweltlich, wir unterhalten uns flüsternd, jedes laute
Wort wäre irgendwie unpassend. Wieder konsultieren wir die Uhr – die
Mondfinsternis ist schon vorbei, seit zwei Stunden stehen wir im
Regen.
Da plötzlich wird das Licht anders, der Regen hört
auf, im ersten Moment begreifen wir gar nicht, was geschieht, doch
dann reicht ein Blick an den Himmel, wie von magischen Händen
beiseite geschoben öffnet sich genau über Stonehenge ein
Wolkenloch und innerhalb von wenigen Minuten zeigt sich der Mond
am Himmel, zuerst noch etwas scheu, eine kleine Sichel ist bereits
wieder zu sehen, dann mutiger geworden, scheint er aus dem Wolkenvorhang
zu treten und präsentiert sich in seiner ganzen Schönheit.
Atemlos beobachten wir das Schauspiel, es ist kaum zu glauben, nur
gerade in der Nähe des Steinkreises hat sich die Wolkendecke
geöffnet, der Rest des Himmels ist bedeckt. Minutenlang schweifen
unsere Blicke – begierig ja nichts zu verpassen - zwischen
dem Mond, der langsam wieder aus dem Erdschatten tritt und dem schemenhaften
Steinkreis hin und her. Fotos zu machen gelingt uns nicht, wir haben
kein Stativ dabei und die Videokamera „sieht“ nichts.
Nach vielleicht zehn Minuten zieht sich die Wolkendecke wieder zusammen,
genauso so geisterhaft präzise wie sie sich kurz zuvor öffnete,
gleichzeitig beginnt es wieder zu nieseln. Immer noch leicht benommen,
aber glücklich bedanken wir uns bei wem auch immer für
dieses tolle Schauspiel und stolpern leicht unterkühlt dem Zaun
entlang zum Auto zurück. Welch ein herrlicher Abend!
Nadia Weber
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